DEINE GESCHICHTE

Schluss mit der Auslese! Schickt uns eure Geschichte!

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Der Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule ab Klasse 5 ist für viele ein einschneidendes Erlebnis. Kinder werden nach Leistung sortiert, Klassen getrennt, Eltern und Lehrer müssen für 10-jährige Entscheidungen treffen, die lebenslang von Bedeutung sein können.

Wie habt ihr den Schulwechsel bei euch selbst, euren Kindern und Enkeln erlebt? Wie ging es euch damit? Was möchtet ihr Politikern zu dieser Frage mit auf den Weg geben? Schreibt uns eure Geschichte! Teilt uns mit, was ihr erlebt habt!

Wir planen eine Installation mit „Auslese-Geschichten“ vor dem sächsischen Landtag. Damit wollen wir uns bis zur letzten Minute in den Diskussionsprozess zum neuen Schulgesetz einbringen, in dem das längere gemeinsame Lernen immer noch nicht vorkommt.

Unterstützt uns! Schreibt eure Geschichte über das Formular direkt auf unserer Seite, schickt sie per E-Mail oder gern auch auf dem Postweg.

 


Eingereichte Geschichten

Paula aus Dresden schrieb uns folgende Geschichte:
Bis heute traurig
Unsere Grundschulklasse hatte einen starken Zusammenhalt. Wir haben viel Blödsinn gemacht und unsere Lehrer ziemlich herausgefordert. Uns war damals egal, wer welchen IQ hat oder was er später mal werden würde. Wir haben unsere Freundschaften unabhängig vom sozialen Status geschlossen. Als die Trennung nach der 4. Klasse kam, war das für uns alle ein schlimmes Erlebnis. Bis heute treffen wir uns und laden auch unsere Klassenlehrerin ein. Wir waren vor einigen Jahren sogar wieder in unserem Klassenzimmer. Viele meiner ehemaligen Klassenkameraden wären gern viel länger gemeinsam zur Schule gegangen. Bis heute wünsche ich mir, dass wir das gekonnt hätten.
Für meine Kinder wünsche ich mir ebenfalls, dass sie länger als nur biszur 4. Klasse gemeinsam lernen können.


Christiane aus Chemnitz schrieb uns folgende Geschichte:

Leider kann ich da eher nur von Kindern und Eltern erzählen, die froh sind, dass die Kinder ab der 5. Klasse in eine andere Schule, in diesen Fällen auf ein Gymnasium, wechseln können. Die Lehrer unserer Grundschule in einem Stadtteil von Chemnitz sind wirklich sehr engagiert, aber viele von diesen werden in den nächsten 3 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Durch die rapide Abnahme von einsatzbereiten Eltern, die gern die Klassen durch verschiedene Aktivitäten unterstützen und bedingt durch die leider rapide Abnahme des sozialen Niveaus im Wohnviertel und gleichzeitig einer großen Anzahl von VKA- Kindern in der Schule werden die Lehrer extrem gefordert, wenn sie auch die Kinder, denen das Lernen leicht fällt, nicht aus dem Blick verlieren wollen und für alle Schüler in der Klasse einen ansprechenden Unterricht gestalten wollen. Dies ist unter den Umständen und der Größe der Klassen nicht möglich. Das zeigt sich auch an der Zahl von zunehmenden Krankschreibungen. Doppelbelastungen, dass Lehrer an verschiedenen Schule unterrichten müssen und gleichzeitig die stellvertretende Funktion des Schulleiters und an einer anderen Schule die Funktion des Schulleiters wahrnehmen sollen, tragen dazu auch bei.
Davon abgesehen sind einige Eltern extrem froh, wenn für ihre Kinder der negative Einfluss einiger Klassenkameraden, die nie zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung von zu Hause aus angeregt werden (und leider auch im Hort diesbezüglich keinerlei koordinierte und nutzvolle Beschäftigungen stattfinden, sondern nur wildes planloses Toben), endlich beendet werden kann. Für diejenigen, die den Weg auf eine Oberschule gehen müssen, wird es da sehr schwierig, weil es in unserer Stadt keine gute Oberschule gibt, sondern auch da der Werteverfall und das sinkende soziale Niveau massiv spürbar sind. Leider verschließen alle Verantwortlichen der Stadt und des Landes davor die Augen. Wenn es Oberschulen gibt, von denen ca. 40% der Schulabgänger ohne Abschluss die Schule verlassen, müsste doch jeder, der in irgendeiner Form Verantwortung trägt in unserem Land schlaflose Nächte haben, oder? Wer soll dann in Zukunft positiv auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene noch für unser Land etwas beitragen? Wenn nicht frühzeitig auch einige Kinder gefördert werden und ihnen die Freude am Lernen erhalten wird, wird dies sehr sehr schwierig. Auch sehr aufnahmefähige Kinder erklären gern anderen und nehmen Rücksicht auf lernschwächere Schüler, aber nicht immmer. Solche Schüler wollen auch zeitweise fließend lesen, rechnen und etwas neues Lernen. Davon abgesehen beklagen sich zunehmend immer mehr Betriebe, dass die Auszubildenden immer weniger Wissen haben. Warum wohl?


Liane aus Schkeuditz schrieb uns folgende Geschichte:

Seit der 2. Klasse war klar, dass unser Sohn eine Deutsch-Schwierigkeit hat. Mit Hilfe der Grundschule ließen wir ihn auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche in einer LRS-Stützpunktschule überprüfen. Diese Überprüfung ergab (angeblich) keine Schwäche. Doch die Schwierigkeiten wurden nicht besser. Also ließen wir unseren Sohn mit Hilfe der Vertrauenslehrerin der Grundschule erneut in der 3. Klasse an einer anderen LRS-Stützpunktschule überprüfen. Dieses Mal mit dem Ergebnis, dass er eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, mehr ausgeprägt im Rechtschreibbereich. Daraufhin beantragte ich als Nachteilsausgleich in der Grundschule die Aussetzung der Rechtschreibnote. Diese wurde gewährt. Jedoch die Bedingungen und die Umsetzung an der Grundschule waren sehr merkwürdig:

1. In einer Besprechung zwischen mir, der Schulleitung und der Fachlehrerin musste ich unterschreiben, dass ich meinen Sohn nicht auf ein Gymnasium schicken werde, falls er eine bessere Note in Deutsch durch die Notenaussetzung erlangt. Bedauerlicherweise habe ich mir keine Kopie ausfertigen lassen. Außerdem glaube ich nicht, dass diese Unterschrift rechtlich bindend gewesen wäre, denn schließlich gibt es auch an Gymnasien Legastheniker. Weiterhin haben wir bei der der leider notwendigen Auswahl des weiteren Schulweges für meinen Sohn gesunden Menschenverstand walten lassen und nicht persönlichen Ehrgeiz.

2. Die Deutsch- und Klassenlehrerin setzte die Notenaussetzung auf ihre Art und Weise um: Wurden Arbeiten geschrieben, wurde meinem Sohn nicht vorher gesagt, welche Aufgabe nicht gewertet wird. Somit ergab es sich, dass er z. B. bei der 9. von 12 Aufgaben Energie und Wissen investierte. Diese 9. Aufgabe wurde also auch nicht gewertet. Dadurch reduzierte sich die Gesamtpunktzahl der Arbeit und im Endeffekt hatte mein Sohn dann durch die geringere Gesamtpunktzahl und das Engagement an der 9. Aufgabe die schlechtere Note in der Arbeit.

Alles in Allem werden Kinder, Eltern und nicht zuletzt auch Lehrer durch dieses Schulsystem unnötig unter Druck gesetzt. Ich würde mich sehr freuen, wenn es zukünftig jemand schafft, dieses zu reformieren. Kinderfreundschaften werden auseinandergerissen. Eltern denken, dass sie, indem sie ihre Kinder auf das Gymnasium trimmen, schon mit Nachhilfe in der 3. und 4. Klasse, sich einen sozial besseren Status sichern. Doch dem Kind wird diese „Plackerei“ über Jahre sicher nicht gut tun. Genau so wenig tut dieses Denken den Oberschulen und Schülern an diesen gut.


Jana aus Rötha schrieb uns folgende Geschichte:

Auch wir möchten gerne mit unserer Geschichte dazu beitragen, daß gemeinsames Lernen bis mindestens Klasse 7 ermöglicht. Eigentlich wäre es bis Klasse 10 sinnvoll, wie es bei mir war. Erst dann wissen viele Jungen vor allem erst, warum sie überhaupt in die Schule gehen. Vorher sind sie so unreif, dass sie denken Schule ist nur eine Verwahranstalt, damit gut aufgehoben sind, wenn die Eltern arbeiten gehen. Auch mein Sohn, inzwischen 8. Klasse steht wohl noch auf diesem Standpunkt. Mit dieser Einstellung fehlt den Kindern ein Großteil ihrer Motivation zum selbstständigen und selbstmotivierten Lernen. Das ist für mich z.B. auch so ein Ansatzpunkt, warum gemeinsames Lernen bis Klasse 10 wichtig wäre. Wenn man Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern und die aus normalen Haushalten zu zeitig trennt, vergibt man die Chance, daß sich Vorbilder meistens auf den Gymnasien wiederfinden und der „Rest“ in der Realschule oder Hauptschule verbleibt.
Mein Sohn hatte laut seinen Lehrern in der GS das Potential für das Gymnasium, stand aber kurz vor dem Stichtag noch auf 2,5, weil er in Mathe eine 3 hatte. In der letzten Mathearbeit schrieb er dann aber zum Glück eine 2. Diese eine Note hat am Ende darüber entschieden, daß er auf das Gymnasium gehen konnte. Wenn ich allerdings daran denke, welche Ansprache die Direktorin des Gymnasiums vor den Eltern unserer Klasse in der Grundschule gehalten hat, bin ich jetzt noch empört.
Sie verwies nachdrücklich darauf, daß es nur Sinn macht Kinder auf das Gymnasium zu schicken, wenn diese schon absolut selbstständig und gerne lernten. Wie viele der Kinder in der 3. Klasse können das schon von sich behaupten? Sie prahlte mit Ihrem guten Abschlußdurchschnitt der Abiturnoten. Das paßt natürlich gut zusammen….. „Bitte schicken Sie uns nur Ihr Kind, wenn es uns nicht den Abidurchschnitt versaut“. Genauso war der Unterricht angelegt. Von einem Tag auf den anderen mussten die Kinder im Unterricht mitschreiben, wie ein Student. Oder sie mußten plötzlich in Englisch auch Vokabeln schreiben, was bis zur 4. Klasse nicht verlangt wurde. Die Abstimmung zwischen Grundschule und Gymnasium wurde auch auf Nachfrage von beiden Seiten abgelehnt. Warum muß ein derartiger Bruch vollzogen werden? Nur um den Kindern zu beweisen, „daß es hier am Gymnasium aber andersherum geht“ und um gleich aussortieren zu können? Bei längerem Lernen könnte dieser Prozeß gleitender und damit für die Kinder nicht so frustrierend gestaltet werden. Der Lehrplan hätte einen Angleich nach oben in der 4. Klasse als auch einen Angleich nach unten in der 5 Klasse ermöglicht. Aber dazu ist die Bereitschaft der Lehrer erforderlich. Leidtragende sind am Ende die Kinder, „die da eben mal durchmüssen“.
Die Damen und Herren Pädagogen hatten wohl im Laufe ihres Berufslebens vergessen, was die Aufgabe eines Pädagogen ist….., nämlich all ihre Kompetenz dazu einzusetzen, daß Potential ihrer Schüler bestmöglich zu nutzen und nicht um Schüler die Probleme haben, möglichst schnell auszusortieren. Da beginnt für mich die Arbeit eines Pädagogen doch erst. Kindern, die alles von selbst verstehen und alles mit großer Freude selbstständig erledigen, kann auch ein Laie unterrichten.
Ich glaube wir hätte vielleicht mehr Studenten in MIND Fächern, wenn wir gemeinsam lernen würden. Gerade Jungen, die sich im Allgemeinen mehr für die Naturwissenschaften interessieren, erkennen erst später, daß Schule doch durchaus ein geeignetes Mittel ist, um sich eine Grundlage für sein späteres Leben zu schaffen.
Mein Sohn weiß das selbst in der 8. Klasse noch nicht einmal, leider. Wie sollen es dann Kinder in der 3. Klasse wissen?
Ich habe meine Sohn aus diesen genannten Gründen auf ein privates Gymnasium mit kleinen Klassen und sehr motivierten Lehrern angemeldet. Dort hat er in der Schule gelernt, selbständig zu arbeiten. Ich hoffe, daß im Laufe der Zeit auch noch die Motivation dazu kommt, die nötig ist, um gute Noten zu erzielen.
Ich hoffe mit meiner Geschichte einen kleinen Beitrag geleistet zu haben, der evtl. für nachfolgende Jahrgänge die Chance bietet wieder länger gemeinsam zu lernen.


Yvonne aus Leipzig schrieb uns folgende Geschichte:

Mich bewegt das Thema sehr, denn ich habe zwei Kinder (9 und 19 Jahre alt) und bestens vertraut mit den Nachteilen, die unser jetziges Bildungssystem aufweist.
Aber besonders aufgehorcht habe ich in den letzten Wochen immer wieder, als es in Gesprächen mit anderen Viertklässler-Eltern darum ging, wie unsinnig die Trennung der Kinder nach vier Grundschulen Jahren ist. Die meisten Eltern sind hilflos, ziehen die Schultern ratlos nach oben und sagen resigniert, dass sie das System auch nicht verstehen.
Meine eigene 9-jährige Tochter wollte aus Angst vor dem Ende der Grundschulzeit nicht in Klasse 4 versetzt werden. Die Tochter meiner Freundin überlegt angestrengt wie es ihr gelingen könnte, ihre gesamte Grundschul-Klasse komplett auf ein uns dieselbe Schule zu bekommen.
Und das ist das Schlimme: Auch unsere Kinder begreifen nicht, warum sie getrennt werden und wir können ihnen keine Antwort darauf geben. Außer vielleicht, dass die Politiker_innen in Dresden das eben so beschlossen haben.


Katharina aus Leipzig schrieb uns folgende Geschichte:
Bis zur Zehnten
Meine KInder gehen auf die Nachbarschaftsschule (Nasch) in Leipzig. Das ist eine Schule, an der die Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam lernen. Es gibt bis zur 7.Klasse keine Zensuren und die Altersstufen 1-3 sind in einer Klasse zusammen gefaßt. Trotzdem es in dieser Schule auch jede Menge Baustellen gibt, finde ich es großartig, dass die Kinder unabhängig von ihren Leistungen bis zur 10. Klasse auf eine Schule gehen. Wir hatten keinen Bewerbungsstreß und die KInder keinen Leistungsstreß. Nacch der 10.Klasse können sie immer noch ihr Abitur machen und wissen dann vielleicht schon, ob sie zB eins mit Berufsausbildung wollen. An der Nasch spielen Solidarität und Verantwortung für sich selbst und andere die größte Rolle. Das ist auch schon in Klasse 1-3 angelegt, da helfen die Älteren den Jüngeren, es gibt Patenschaften. Durch die fehlenden Zensuren in den unteren Klassen haben Gefühle wie; Nichts zu können, schlecht oder nichts wert zu sein und Konkurrenzdenken wenig Platz. Wenn wir so eine Gesellschaft wollen, sollten wir mehr solche Schulen machen. Übrigens kämpft die Nasch um ihr Überleben und ist immernoch nur als Schulversuch genehmigt.


Familie M. aus Leipzig schrieb uns folgende Geschichte:
Keine Bildungsempfehlung für’s Gymnasium – heute Ärztin
Wir haben damals den Druck in der vierten sehr leistungsstarken Klasse auf unsere Tochter als sehr stark und die Kindheit stark beeinflussend erlebt. Die Angst, nicht gut genug zu sein, auch einmal zu versagen, ist bis heute geblieben, da es offensichtlich eine sehr starke frühkindliche Prägung war.

In der vierten Klasse misslangen zwei Mathematikarbeiten; es waren statt der angestrebten zweien, jeweils nur eine drei. Freundlich erhielt unsere Tochter die Mahnung von ihrer Grundschullehrerin, dass sie sich nun aber anstrengen müsse, denn sonst könne sie nicht aufs Gymnasium gehen. Es passierte, was oft passiert, wenn der Druck auf ein Kind zu hoch ist, die nächste Arbeit war eine glatte vier. Die damals notwendige Zwei im Fach Mathematik war nicht mehr zu schaffen bis zum Halbjahresabschluss. Dann wurde uns „vermittelt“, auch die Mittelschule sei doch ein guter Bildungsweg für unsere Tochter. Und nein, wir waren nicht die überehrgeizigen Eltern, die unbedingt wollten, dass auch das dritte Kind das Abitur macht. Wir glaubten nur an ihre Fähigkeiten und wollten, dass sie wenigstens die Chance erhält, es zu versuchen, ob sie den Leistungsanforderungen des Gymnasiums gerecht werden kann.
Nur unserem massiven Einspruch (andere bildungsfernere Eltern hätten sich da gar nicht durchsetzen können !, ihren Kindern bleibt so der Weg aufs Gymnasium und zum Studium von vorn herein verwehrt) und am Ende ihrer umsichtigen Grundschullehrerin, die ihr attestierte, dass sie einschätze, dass unsere Tochter den Anforderungen des Gymnasiums gerecht werden kann, war es dann zu verdanken, dass sie mit einer drei im Fach Mathematik doch noch eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium erhielt. Das Abitur hat sie mit der Note 1,4 abgeschlossen und ist heute eine junge Ärztin.

Nun hat sie selbst ein Kind und wir wünschen uns als Großeltern, dass es endlich aufhört, den Kindern so früh den Spaß am Lernen zu nehmen, sie nichts versuchen und sie nicht in Ruhe ihren Weg finden zu lassen. Dass schon Kinder in der vierten Klasse, so wie es damals in der Klasse unsere Tochter war, kein anderes Thema mehr haben, als wer es aufs Gymnasium schafft und wer nicht, das war damals in der Klasse unserer Tochter und auch bei unseren anderen Kindern schrecklich und hat das, was in diesem Alter doch vorherrschen sollte, Freundschaften zu anderen Kindern der Klasse und eine homogene Klassengemeinschaft, sehr negativ beeinflusst.


Karl aus Chemnitz schrieb uns folgende Geschichte:

Kochstudio: Ich backe mir eine Gesellschaft

Man nehme: 2 Dutzend beliebige Kinder
werfe sie in einen Topf und lasse sie zusammen warm werden.
Kaum, dass sich die Masse verbunden hat, trenne man sie sorgfältig wieder und zwar wie folgt:
Die, denen das Warmwerden leicht fiel, die sich anpassten und den Koch akzeptieren lege man in einen blauen Topf
und die, denen es schwer fiel, sich zu verbinden oder die aufgrund Durcheinanders in der eigenen Struktur zu spät Verbindung aufnahmen
lege man in einen roten.
Der blaue Topf wird alsbald auf ein Fließband gelegt und an anderer Stellen mit weiteren blauen Massen vermischt, sodass bald eine formbare Substanz entsteht, die man später schmackhaft in verschiedenen Gerichten, (aber auch Krankenhäusern, Universitäten usw.) verwerten kann.
Tipp: Geübte Köche geben kurz vor Schluss noch 2-4 der für den Koch einfacher handhabbaren Kinder aus dem roten Topf dazu, sie verleihen der Masse eine gewisse Würze.
Nun benötigt man neben dem übrigen roten noch einen orangenen Topf, bitte mit Deckel, da die darin befindlichen Kinder häufig versuchen hüpfend dem Topf zu entweichen oder schrille Gargeräusche von sich geben.
In den orangenen Topf sortiere man aus dem roten Topf nun die Kinder, deren Herkunft edlerer Güte entsprach – sei es, dass sie sorgfältigem biologischem Anbau entstammten oder sehr teuer produziert wurden. Man erhält also noch einen eher edleren Topf. Auch dieser gelangt auf ein Fließband und wird mit weiteren orangenen Massen, z.B. in Privatküchen weitergekocht. Zwar potenzieren sich hier bestimmte Zutaten zu fast schon explosiven Mischungen. Dennoch gehen aus dem orangen Topf-und zwar unter Verschleiß zahlreicher Köche-doch sehr eigenwillige Kreationen hervor, die bei ausreichender Würze durchaus ein schmackhaftes Essen abgeben. Übrig bleibt nun der rote Topf. Auch er wird noch einmal mit vielen anderen solchen Töpfen zusammengeworfen, was die Qualität des Inhaltes nicht anhebt. Achtung: Selbst erfahrenen Köchen gelingt es hier so gut wie nie, noch eine essbare Speise zu bereiten. Machen Sie sich nichts daraus. Es liegt nicht an Ihnen.
Und was solls, die Geschmackserlebnisse des ersten, von mir aus auch noch des zweiten Topfes machen dies wohl mehr als wett. Dass die roten und orangenen Zutaten auch interessante Würze für den blauen Topf abgegeben hätten? Nein, zerstört den harmonischen Gesamteindruck unserer Edelmasse.

Ja denn:
Guten Appetit!

PS: Natürlich ist es schade, dass wir einige Kinder aussortieren müssen, aber eine Sterneküche serviert eben kein Eintopfgericht!

PS: Sie mögen Eintopf? Dann ziehen Sie woanders hin! Der deutsche Wohlstand basiert nicht auf Eintopfgerichten!


Anne aus Dresden schrieb uns folgende Geschichte:

Ich hatte als Lehrerin eine Art „Kulturschock“, als ich vom Gymnasium in die Mittelschule kam. Am Gymnasium war es zum Beispiel in einer 7. Klasse selbst bei Mittagshitze ganz normal, dass man seinen Unterricht halten konnte und die Schüler lernten. Sie waren weitgehend leise und interessiert, man konnte gut mit ihnen arbeiten. Als ich an die Mittelschule kam, ging es in manchen Klassen ausschließlich darum, die Schüler überhaupt zur Ruhe zu bringen und sozial so weit zu bringen, dass sie vielleicht irgendwann mal etwas aufnehmen wollen. Aufgrund der vielen „Problemfälle“, war auch für andere Schüler die Lernerfolge minimal, man kam extrem langsam im Stoff voran. Meiner Meinung nach hätte es den Schülern in den schwierigeren Klassen gut getan, einmal zu sehen, dass das, was sie dort leisteten nicht der Maßstab von allem ist. Dass es noch andere Kinder gibt, die gerne lernen und was in einem anderen Umfeld auch an Kreativität und Ideenvielfalt möglich ist. Die „besseren“ Mittelschüler wurden häufig in solchen Klassen demotivierter und konnten ihr Potential nicht entfalten. Umgekehrt wäre es natürlich genauso sinnvoll, dass Gymnasiasten einmal sehen, wie sie schwächeren Schülern helfen könnten und welche praktischen Talente diese manchmal haben.


Felix aus Dresden schrieb uns folgende Geschichte:

Ich fand es schade, dass man alle, die man vier Jahre kennt, auf einmal verlassen muss. Meist klappt es auch nicht, dass man in die gleiche Klasse kommt oder sich in der Freizeit in den höheren Klassen wieder trifft. Es ist wie ein Neuanfang. Man muss wieder alles von vorn anfangen. Ich fand das eher blöd. Ich hatte erst viele Freunde und dann musste ich erst wieder neu suchen. Ich habe nicht gleich neue Freunde gefunden. Der Leistungsunterschied war sehr groß und man hat sich nicht so wohl gefühlt. Das hat ein halbes Jahr gedauert.