Argumente

Übersicht:

  1. Grundschulübergang als Lebenskrise
  2. Begrenzung von Potentialen
  3. Gesellschaftliche Auswirkungen
  4. Soziale Herkunft bestimmt Bildungschancen
  5. Blick über den Tellerrand
  6. Gemeinsam oder getrennt lernen?
  7. Späterer Schulwechsel als Alternative?
  8. Zeigt PISA, dass in Sachsen alles stimmt?

1. Grundschulübergang als Lebenskrise

In Sachsen werden Schülerinnen und Schüler bereits im Grundschulalter nach Leistung getrennt und entsprechend der Bildungsempfehlung den Schularten Gymnasium bzw. Oberschule zugewiesen. Die im Vergleich zu anderen Ländern sehr frühe Auslese hat massive Auswirkungen auf Familien, die Lehrerschaft, die Gesellschaft und die Wirtschaft, vor allem aber auf die betroffenen Kinder. Jonas ist ein Beispiel dafür.

Jonas, 10 Jahre*

Jonas ist 10 Jahre alt und besucht die Grundschule einer Stadt in Sachsen. Gerade hat er Bauchschmerzen. Die bekommt er immer, wenn er daran denken muss, dass er zusammen mit seinem bestem Freund Oskar nach den Sommerferien nicht mehr in die Schule gehen soll. Oskar soll auf die Oberschule gehen. Und Jonas, wenn es nach seinen Eltern geht, aufs Gymnasium. Aber eigentlich will er gar nicht auf das Gymnasium, er will lieber mit Oskar auf eine Schule gehen. Oskar ist genauso schlau wie er, nur in Mathe braucht er manchmal Jonas Hilfe, aber dafür hilft Oskar ihm beim Schreiben. Er kann gut Geschichten schreiben. Damit Jonas gute Zensuren hat, bezahlen die Eltern seit zwei Jahren Nachhilfeunterricht. 100 Euro im Monat. Seine Lehrerin meint, dass man im Gymnasium schon was leisten muss. Jonas macht das Angst. Seit Lydia, das Nachbarmädchen, aufs Gymnasium geht, hat sie keine Zeit mehr zum draußen spielen.

Er fragt sich, warum das alles notwendig ist – und eigentlich fragen wir uns das auch!

*alle Namen geändert

Jonas verliert nach der 4. Klasse nicht nur seinen besten Freund sondern auch seine vertrauten Mitschüler, sein gewohntes Lernumfeld, die gesamte ihm bekannte Atmosphäre. Nach Leistung getrennt – das spüren schon unsere Kinder am eigenen Leib. Sie erfahren, dass die Mitschüler, die weniger leistungsstark sind, auf eine andere Schule gehen müssen. „Du bist nicht so gut“ – das sagt ihnen die Gesellschaft. Ein Kind hat in diesem Alter noch kein stabiles Selbstvertrauen, dass es mit dieser Stigmatisierung umzugehen weiß. Bewusst wird es den meisten nicht. Höchstens später hört man Folgendes: „Ich hab ja nur einen Realschulabschluss.“

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2. Begrenzung von Potentialen

Mit der frühen Trennung der Kinder nach Leistung werden von der Gesellschaft Potentiale begrenzt. Aus dem Entwicklungsstand eines Zehnjährigen ist kaum ablesbar, wohin er sich in den folgenden Jahren entwickeln wird. Gerade Jungen, die im Vergleich zu Mädchen als „Spätentwickler“ gelten, werden häufiger den Oberschulen zugewiesen. Ebenso Kinder, die nicht aus Akademikerfamilien stammen.
Viele Studien beweisen, dass sich der Bildungserfolg der jeweiligen Schulform anpasst. Ähnlich dem Pygmalioneffekt. Wenn ein Lehrer von seinen Schülern viel verlangt, dann leisten die Schüler auch viel. Verlangt er nichts passen die Schüler sich der Unterforderung an. Aufgrund des Wegfalls von leistungsstarken Gymnasialschülern entfallen in den Oberschulen Vorbilder für die Lernschwachen. Das heißt, das Leistungsgefälle im Klassenverband verschiebt sich nach unten. Wer vorher im Mittelfeld war, steigt zum Klassenprimus auf, falls die Lernatmosphäre solch eine Rolle überhaupt zulässt. Das Bildungsniveau sinkt und das geistige Potential wird nicht genügend angeregt.
Auch die stärkeren Schüler profitieren von der Trennung nicht unbedingt. Viele Gymnasialschüler klagen über starken Leistungsdruck und psychosomatische Beschwerden. Eltern bezahlen nicht selten Nachhilfe, damit die Kinder den hohen Leistungsanforderungen gerecht werden können. Und noch ein Grund spricht für ein längeres gemeinsames Lernen: Kinder lernen im auslesenden Schulsystem weniger soziales Miteinander, was die soziale Spaltung der Gesellschaft weiter begünstigt.

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3. Gesellschaftliche Auswirkungen

Laut dem Sächsischen Bildungsbericht 2013 lässt sich Schulerfolg vorrangig am erreichten Schulabschluss messen. Ein gutes Schulsystem zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es die Lernenden zu einem möglichst hohen, ihrem Leistungsvermögen entsprechenden Bildungsabschluss führt. Schulabgänger stellen ein Potential dar, welches die Innovationsfähigkeit und die wirtschaftliche Zukunft eines Landes mitbestimmt (Quelle: Sächsischer Bildungsbericht 2013, S. 159).

Dass das sächsische Schulsystem diesen Anspruch nicht erfüllt, zeigt sich bei näherer Betrachtung der Schulabgängerzahlen. So verlassen jedes Jahr ca. 10% der Schüler die allgemeinbildende Schule mit einem Hauptschul- und ca. 10% mit gar keinem Abschluss. Das heißt, ein Fünftel der Jugendlichen sind auf dem heutigen Arbeitsmarkt weitgehend chancenlos. Damit liegt die Zahl derer, die ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Dieser liegt bei 6,3% (Quelle: Sächsischer Bildungsbericht 2013, S.162).

Zum Vergleich: In Finnland, dem Pisa-Spitzenreiter, wo alle Kinder bis zur 9. Klasse gemeinsam die Schule besuchen, beenden 95% der Schüler ihre Schulzeit mit Abitur und 5% beginnen eine Berufsausbildung.

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4. Soziale Herkunft bestimmt Bildungschancen

Seit vielen Jahren wird Deutschland für sein gegliedertes Schulsystem scharf kritisiert. Belegt durch mehrere Studien (u.a. IGLU 2006, PISA 2012) ist die Tatsache, dass die Bildungschancen sich an der Herkunft der Kinder orientieren. Das heißt,  ein Kind von Akademikern hat eine 5mal höhere Chance eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium zu bekommen, als das Kind eines an- oder ungelernten Arbeiters, und das, bei gleichen Kompetenzwerten (IGLU 2006).

Die Schullaufbahn ist damit eng an die Herkunft der Kinder und Jugendlichen gekoppelt.  Je niedriger der Sozialstatus des Elternhauses, desto geringer die Chance ein Gymnasium zu besuchen. Der aktuelle Dresdner Bildungsbericht bestätigt dies: „Der Bildungserfolg ist abhängig vom sozialen Status des Elternhauses, unabhängig vom Potenzial des Kindes.“ (Dresdner Bildungsbericht 2014, S. 31)

Bemängelt wird auch die Abhängigkeit des Studienerfolges vom sozialen Status. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer Arbeiterfamilie ein Studium beginnt, ist nicht einmal halb so hoch, wie es gemessen an deren Anteil an der Gesamtbevölkerung zu erwarten wäre. Dies ist der geringste Wert in allen europäischen OECD-Staaten: „Der Zusammenhang zwischen Bildungsleistungen und sozialem Hintergrund wird in Deutschland wie auch in anderen ebenso stark gegliederten und früh selektierenden Bildungssystemen (…) in wesentlichem Maße durch die Schul- und Schulformwahl beeinflusst, die wiederum den Hochschulzugang bestimmt. Der Zusammenhang deutet darauf hin, dass das Schulsystem selbst einen erheblichen Einfluss auf die ungleiche Verteilung von späteren Bildungschancen hat und damit das Leistungspotenzial eines beträchtlichen Anteils junger Menschen, einschließlich von Schülern mit Migrationshintergrund, ungenutzt lässt”. (OECD- Briefing Notes für Deutschland, Bildung auf einen Blick, 2006)

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5. Blick über den Tellerrand

Was Schulsysteme in Europa anbelangt, lohnt sich ein Blick über den Tellerrand. Für die meisten Länder ist charakteristisch, dass Kinder und Jugendliche länger als bei uns eine Einheitsschule bzw. Gesamtschule besuchen. Nur Österreich, Liechtenstein und Deutschland trennen die Kinder leistungsorientiert bereits nach der 4. Klasse. In England und Irland lernen alle Schüler bis zur 6. Klasse gemeinsam. Italien, Slowenien und Ungarn praktizieren ein gemeinsames Lernen bis zur 8. Klasse. Finnland lässt ebenso wie Dänemark, Estland, Frankreich, Griechenland, Lettland, Polen, Portugal, Norwegen und Schweden alle Kinder bis zur 9. Klasse gemeinsam die Schule besuchen (Quelle: Bildungssysteme in Europa, Bertelsmann-Stiftung 2005).

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6. Gemeinsam oder getrennt lernen?

„Durch die Aufteilung von Kindern nach Leistung ist die bestmögliche Förderung jedes Einzelnen gewährleistet.“ (Argument der Befürworter des gegliederten Schulsystems)

Antwort: Die Aufteilung der Schüler in eine leistungsstarke und eine leistungsschwächere Gruppe trägt nach unserer Auffassung nicht dazu bei, dass die Kinder optimaler gefördert werden können, als wenn sie gemeinsam die Schule besuchen würden.

Zwar kann an den Gymnasien schneller Wissensstoff vermittelt werden, jedoch herrscht dadurch häufig  großer Leistungsdruck, mit dem viele Kinder nicht zurechtkommen. Diese klagen dann über psychosomatische Beschwerden bzw. müssen teure Nachhilfestunden in Anspruch nehmen. 1,1 Millionen Schüler erhalten in Deutschland inzwischen regelmäßig Nachhilfe, rund 1,5 Milliarden Euro beträgt der Jahresumsatz der Branche (Ausgaben für Nachhilfe, Studie der Bertelsmannstiftung 2010). Besonders kritisch daran ist zu sehen, dass nur Kinder davon profitieren, deren Eltern sich diesen Luxus leisten können.

In den Oberschulen fehlt es indessen an leistungsmäßigen Vorbildern. Die Schüler passen sich dem herrschenden Leistungsniveau an (Pygmalioneffekt). Nicht selten bleiben die Besseren unter ihnen weit unter ihrem möglichen Leistungsstand. Dass 20% der Schüler eines jeden Jahrgangs die sächischen Schulen mit Hauptschul- oder gar keinem Abschluss verlassen zeigt deutlich, dass die bestehenden Strukturen kritikwürdig sind.

Für beide Schülergruppen gilt, dass soziales Lernen im gegliederten Schulsystem weniger gut stattfinden kann. Die Gruppen begegnen sich untereinder kaum und können dementsprechend auch nicht mit- und voneinander lernen. Ein Schüler beispielsweise, der aus bildungsfernen familiären Verhältnissen stammt, hat wenig Chancen, sich an anderen Lebensentwürfen zu orientieren. Wann, wenn nicht in der Schulzeit, soll er diesen noch begegnen? Die Spaltung der Gesellschaft wird weiter begünstigt.

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7. Späterer Schulwechsel als Alternative?

„Das sächsische Schulsystem ist durchlässig – man kann auch später noch auf das Gymnasium wechseln.“ (Argument der Befürworter des gegliederten Schulsystems)

Antwort: Die Statistiken zeigen, dass dies nur sehr selten der Fall ist: Einmal auf der Oberschule, ist es schwierig, den Weg aufs Gymnasium noch zu schaffen. Das belegen Zahlen aus dem sächsischen Bildungsbericht (2013): Nur etwa 400, das sind 0,4% der Oberschüler haben im Schuljahr 2011/12 den Sprung auf das Gymnasium noch geschafft. Dem gegenüber stehen etwa 1300 Gymnasiasten, das sind 2% der Gesamtanzahl, die auf die Oberschule („zurück“)wechseln mussten. Bei Förderschulen sieht es nicht besser aus. Im Schuljahr 2011/12 sind etwa 900 Schüler von einer Regelschule, auf eine allgemeinbildende Förderschule gewechselt. Aber umgekehrt waren es nur 460. Damit liegt die Integrationsquote bei 1,5%, unter dem Bundesdurchschnitt.

Nach dem Realschulabschluss noch ein Abitur abzulegen, ist am beruflichen Gymnasium möglich. Jedoch ist der Weg länger und an Voraussetzungen gebunden: Die drei Hauptfächer müssen mit 2,  der Notendurchschnitt aller Fächer darf nicht über als 2,5 liegen; zudem müssen die Schüler ein Jahr länger lernen als ihre Altersgenossen, die das Abitur am Gymnasium ablegen.

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8. Zeigt PISA, dass in Sachsen alles stimmt?

Die guten PISA-Ergebnisse zeigen doch, dass Sachsen mit seinem Schulsystem richtig liegt.“(Argument der Befürworter des gegliederten Schulsystems)

Antwort: Sachsen gehört mit Bayern zu den deutschen Pisa-Spitzenreitern. Diese Tatsache hat allerdings weniger mit der Gliedrigkeit des Schulsystems zu tun als mit der professionellen Arbeit der sächsischen Lehrer. Gegliedert ist das Schulsystem auch anderswo. Und trotzdem fallen dort die Ergebnisse wenig positiv aus. Pisa beweist nur, dass die Wissensvermittlung in Sachsen gut zu funktionieren scheint. Denn das ist Pisa: ein Wissensvergleich bzw. das Abfragen eines Lernstandes in Schulfächern wie Mathematik oder Deutsch in bestimmten Klassenstufen. Schön, wenn sächsische Schüler hier gute Ergebnisse erzielen. Wissen zu erlangen, ist eine wichtige Aufgabe in der Schulbildung!

Angesichts des Stolzes der sächischen Bildungspolitik auf die guten PISA-Ergebnisse sollte aber die Frage erlaubt sein, ob diese wirklich DAS Argument sein können, wenn es um die Güte des Schulsystems insgesamt geht. Wie steht es mit anderen Faktoren in der Bildung jenseits der Wissensvermittlung? Wie stark sind soziale, menschliche Werte im sächsischen Schulsystem erlernbar? Wie wird Gemeinschaft gelebt und geachtet? Welchen Stellenwert hat demokratische Bildung?

Dass es hier gewaltig hapert, das zeigen gerade dieser Tage wieder die Bilder in der Presse. Gerade Sachsen ist es, wo Bewegungen wie „Pegida“ entstehen. Gerade in Sachsen scheinen der Hass und die Angst auf Fremdes massiv ausgeprägt. Gerade hier beobachtet man eine „verrohte“ Demonstrationskultur (SZ, Oktober 2015), die Menschenwürde und Achtung Andersdenkender kaum noch zu kennen scheint und die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt (siehe aktuelle Ereignisse in Dresden, Heidenau, Freital, Meißen 2015).

Daher sollte sich die sächsische Bildungspolitik viele Fragen stellen, anstatt ihr Schulsystem zu feiern!

In einem Schulsystem, dass einerseits durch die DDR-Vergangenheit immer noch autoritär geprägt ist, andererseits Menschenbildung hauptsächlich als reine Wissensvermittlung definiert, kommen andere Bereiche zwangsläufig zu kurz. Soziales Lernen, Selbstkompetenz, Mitgefühl, Kreativität und demokratische Prozesse werden beim Erfüllen der prall gefüllten sächsischen Lehrpläne systematisch vernachlässigt.

Die Selektion von Kindern nach Leistung im Alter von 10 Jahren tut ihr Übriges. Hier lernen Kinder sich schon im Grundschulalter als „Verlierer“ oder „Gewinner“ der Gesellschaft zu begreifen. Stigmatisiert und sortiert in „Leistungsschwache“ oder „Leistungsstarke“, entsteht bei Vielen schon früh ein Gefühl des Versagens, was sich im Laufe der Jahre weiter manifestiert. Und was später nicht selten in Angst und Wut umschlägt, welche sich im Hass auf andere entlädt.

Daher ist der Stolz auf Sachsens PISA-Ergebnisse kein ausreichendes Argument dafür, das bestehende Bildungssystem hochzuloben. Die aktuelle Entwicklung zeigt vielmehr, dass das Schulsystem an der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft, wie sie sich etwa in der Pegida-Bewegung zeigt, eine Mitschuld trägt.

Eine Schule, in der Wissensvermittlung gleichrangig neben anderen Kompetenzen gefördert würde und in der alle Kinder, egal aus welchen sozialen Schichten gemeinsam lernen könnten, wäre ein Gewinn für die Gesellschaft. Sowohl für die bisherigen „Bildungsverlierer“ als auch die sogenannten „Gewinner“, denn es wäre ein Beitrag dazu, Vorurteile zwischen den sozialen Schichten abzubauen und sich gegenseitig kennen- und schätzen zu lernen.

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